Kritik und Krise

Über den Zusammenhang von materialistischer Kritik

und kapitalistischer Krise

--- Reader ---

Tagesseminar der ISF

 

Mit Jochen Bruhn

 

 

 

 

Am Sonntag, den 6.April 2008 in Duisburg

 

Zeit: 17 – 22 Uhr

 

Ort: Ev. Jugendheim Hochfeld, Paulusstr. 30 (Hinterhaus)

        47053 Duisburg-Hochfeld

 

Anmeldung: Mail an melange66@t-online.de

 

(Finanzielle Unterstützung erbeten)

 

Wir haben dazu noch einen Reader erstellt. Er enthält alle nicht im Netz stehenden Texte (siehe unten). Bestellung über die Mailadresse.

 


 

Kritik und Krise

Der Anfang des Marxschen „Kapital“ und das Ende der kapitalisierten Gesellschaft

 

„Wahrheit ist objektiv, nicht plausibel“: Dies Diktum Theodor W. Adornos scheint der tatsächliche Grund zu sein, warum weder die offizielle bürgerliche Gesellschaft noch ihr linker, insbesondere nicht ihr universitärer Begleitservice mit der Kritischen Theorie sonderlich viel anfangen mögen. Daß das Denken in der Interpretation des Vorfindlichen zu gründen habe, daß das Denken es daher auch nicht weiter bringen kann als bis zur Meinung, und, wenn’s gut geht oder die Staatsmacht dahintersteht, zum Konsens und zum Einverstandensein, gilt allseits als abgemacht. So massiv ist der „Schein der Tatsachen“ (Marx) geworden, daß seine gesellschaftliche Konstitution als unerreichbar gilt und schon der Anspruch darauf als autoritärer Dogmatismus. Das Ergebnis ist danach: wo Vernunft, deren Thema nur eben die Konstitution des Gesellschaftlichen sein kann, auf bloßen Verstand reduziert wird, da macht sich die Bauernschläue von Intellektuellen breit, die ihr Denkprodukt mit erlesener Raffinesse am Markt zu behaupten wissen. Die Widersprüche, gar: die Antinomien, in die sie verfallen, kümmern nicht weiter: eben dies ist ja der Sinn von Ideologie als der Rationalisierung des Widersinnigen. Der Marxsche Begriff der Kritik dagegen gründet in der ungeschmälerten Erfahrung des logischen Widerspruchs und im Vertrauen auf die Objektivitätsmächtigkeit des Denkvermögens, d.h. in subjektiver Vernunft, die ihre bloße Subjektivität keinesfalls als Vorwand nimmt, sich zu relativieren. Denn der Begriff von Wahrheit, den diese Kritik nur haben kann, ist in der notwendigen Krise, im Untergang und im Zusammenbruch des Kapitalverhältnisses als einer unmöglichen Vergesellschaftungsweise angelegt: indem die Kritik die Krise kategorial antizipiert und in jeder ihrer Aktionen polemisch ausdrückt, kommt ihr ihre eigene Objektivität entgegen.

 

Das Verhältnis von Kritik und Krise im Materialismus (oder auch, so Marx, „kritischen Kommu­nismus“) hat mit dem vom Anfang und vom Ende der Marxschen Darstellung des Kapitals zu tun. Weil dieser Anfang nicht willkürlich, sondern im Resultat sozialphilosophischer Reflexion gesetzt wird, ist er mit dem Ende vermittelt und wird durch das Ende der Darstellung „bewiesen“, aber einzig in dem Sinne, daß der „Beweis“ nur der Untergang bzw. die Abschaffung des kritisierten Objekts selbst ist. Die Wahrheit des Kapitals ist seine gesellschaftliche Liquidation. Es zeigt sich hier, daß die „Kritik der politischen Ökonomie“ mit Bedacht als Kritik, nicht, wie gerade die Linksfraktion der Akademiker beliebt, als Theorie bezeichnet wird. Die marxschen Einlassungen zur Krise im 3. Band des „Kapital“, insbesondere das „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“, verweisen darauf.

 

 

„Die kritische Theorie ist ein einziges entfaltetes Existentialurteil.“

Max Horkheimer, 1937

 

 

 

Begriffsgeschichte

 

u Kurt Röttgers, Art. Kritik, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Kosellek; Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 3, S.  651-675

u Reinhart Koselleck, Art. Krise, in: ebd., S. 617-651

 

 

Begriff der Kritik

 

u G.W.F. Hegel, Das älteste Systemprogramm des deutsche Idealismus (1796), in: Ders., Frühe Schriften, in: Werke Bd. 1, Frankfurt 1971, S. 234-236 [http://www.zeno.org/]

 

u Hegel, Über das Wesen der philosophischen Kritik (1804), in: Ders., Jenaer Schriften 1801-1807, in: Werke Bd. 2, Frankfurt 1986, S. 171-187 [http://www.zeno.org/]

u Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (Einleitung) (1844), in: MEW Bd. 1., S. 378 – 391

[http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm]

u Theodor W. Adorno, Kritik, in: Ders., Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt 1971, S. 10-19

u Initiative Sozialistisches Forum, Die Kritik zur Krise radikalisieren! (1983) in: ISF, Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Analysen und Polemiken, Freiburg 1990, S. 50-63

[http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/isf-ende.sozialismus_lp.html]

 

 

Übergang und Vermittlung

 

u ISF, Das Konzept Materialismus (2002)

[http://www.isf-freiburg.org/isf/beitraege/isf-konzept.materialismus.html]

 

Notwendigkeit der Krise

 

u Karl Marx, Wert, in: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857), in: MEW Bd. 42, Berlin 1984, S. 767 f.

u Karl Marx, Erstes Kapitel 3) Die Wertform oder der Tauschwert, aus: Ders., Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (MEW 23), Berlin 1973, S. 62-98

[http://www.mlwerke.de/me/me_mew.htm]

u ISF, Der Marxsche Krisenbegriff, Auszug aus: Dies., Der Theoretiker ist der Wert. Eine ideologiekritische Skizze der Wert- und Krisentheorie der „Krisis“-Gruppe, Freiburg 2000, S. 49-53

 

 

Wirklichkeit der Krise

 

u Karl Marx, Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, in: Kapital Bd. 3 (MEW 25), S. 221-277

[http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_000.htm]

u Henryk Grossmann, (Auszug aus) Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929, (Reprint Frankfurt 1970), S. 117-141

u Wolfgang Pohrt, Vernunft als Pleite, Auszug aus: Ders., Theorie des Gebrauchswerts, oder über die Vergänglichkeit der historischen Bedingungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt, Frankfurt 1976, S. 120-138

u Paul Mattick, Die Todeskrise des Kapitalismus (1933), aus: Korsch/Mattick/Pannekoek, Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus oder Revolutionäres Subjekt, Berlin 1973, S. 100-112

[http://www.kurasje.org/arkiv/14300f.htm]

u Michael Heinrich, Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx, aus: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft H. 123 (31. Jg., 2001), S. 151-176

[http://www.oekonomiekritik.de/] unter Weiterführendes

 

 

Konsequenzen

 

u ISF, Kritik und Krise, Auszug aus: Der Theoretiker ist der Wert, Freiburg 2000, S. 110-115

u ISF, Metaphysik der Deutschmark, aus: Dies., Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten, Freiburg 2001, S. 108-116

 

u ISF, Zahltag. Einladung zum Jour fixe Herbst/Winter 2007/2008